Die beobachtenden Außenseiter: Warum wir Journalisten nicht dazu gehören
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Wenn ich mich mit Menschen auf einem Termin treffe, um über sie oder ein bestimmtes Thema zu sprechen, geht es nie ausschließlich darum. Wir sind alle Menschen, mein Gegenüber wie ich, also wäre es äußerst skurril, direkt nach dem Hallo die Fragen rauszuschießen. Meistens sprechen wir vorher, beschnuppern uns ein wenig und auch am Ende springe ich nicht direkt auf, um zu verschwinden.
So kam es, dass ich im Sommer vergangenes Jahr in einem Vereinsheim saß und mit den Vorsitzenden und Übungsleitern über ein bestimmtes Thema sprach. Ich war erst wenige Monate in meinem Job, hatte aber das Gefühl, langsam anzukommen. Ich knüpfte Kontakte, vernetzte mich, also nutzte ich auch an diesem Abend die Chance. Nachdem wir alles Wichtige besprochen hatten, boten mir die Herren - alle über 50 - ein Bier an und weil ich ohnehin nach dem Termin Feierabend hätte, nahm ich ausnahmsweise das Angebot an.
Angekommen ist nicht gleich angekommen
Untereinander entwickelten sich einzelne Gespräche, auch mit mir. Der Schriftführer erkundigte sich, woher ich kam (ich rede offensichtlich kein Schwäbisch) und ich erklärte ihm ein bisschen was zu meinem Lebenslauf. "Sind Sie denn mittlerweile ein bisschen heimisch geworden?", fragte er mich. Ich nickte und erzählte, dass ich mich wohlfühlte und auch das Gefühl hatte, hier akzeptiert zu sein, auch in dem Gemeinderat, den ich betreute, also über den ich im Monatstakt schrieb.
Da schaute er mich plötzlich fragend an, beugte sich verschwörerisch zu mir vor und sagte etwas, das bis heute hängen geblieben ist. "Frau Keiper, denken Sie daran: Als Journalist sind Sie immer der Außenseiter. Sie schreiben ja über die Menschen. Suchen Sie sich bald einen Verein, verwurzeln Sie sich privat, das ist so wichtig. Erst dann kommen Sie wirklich an."
Ein übergriffiger, aber guter Tipp
Zuerst dachte ich: Hoppala, das ist ganz schön übergriffig. Doch je mehr seine Worte sackten, desto mehr merkte ich, dass der gute Mann Recht hatte. Auch wenn uns Menschen mögen und wir tatsächlich respektiert und akzeptiert sind, sind wir immer die beobachtenden Außenseiter.
Das war schon bei meinem früheren Chef so, der zwar allseits bekannt, aber immer etwas außen vor war, und das bekam auch ich zu spüren - sogar in meiner Heimat, 350 Kilometer von meinem Arbeitsort entfernt. Wenn ich dort Menschen treffe, höre ich selbst da regelmäßig Kommentare wie "Da muss man aufpassen, was man sagt, sonst erscheint das noch in der Zeitung". Das ist natürlich Blödsinn, aber die gesunde Skepsis der Leute ist entscheidend. Wer mich im beruflichen Kontext kennt, sieht mich immer als Journalistin.
Entweder etablieren oder ausbrechen
Das Problem haben zum einen Zugezogene, die sich als Journalist verwurzeln müssen. Doch auch diejenigen, die in ihrer Heimat den Beruf ergreifen, haben Probleme, allerdings umgekehrter Natur. Sie werden lange nicht als Journalist anerkannt, denn für ihr Umfeld sind sie ja dieselben Menschen, die dort immer gewohnt haben. Da braucht es einen längeren Atem, um anerkannt zu werden, wie ich aus meinem Kollegenkreis weiß.
Tatsächlich habe ich kurz darauf entschieden, einem Verein beizutreten und dort im privaten meinen Sport zu machen. Weil in meiner Gruppe ausschließlich junge Menschen sind, spielt mein Beruf dort keine Rolle. Ich höre höchstens mal neugierige Nachfragen, wie der Job so funktioniert, aber Misstrauen erlebe ich dort nicht. Ich bin in dem Kontext bloß "die Mareike" und nicht "die Redakteurin Mareike".
Nur Redakteure als Freunde? Das reicht nicht
Und ich habe noch etwas versucht: Nach einem Termin mit einem äußerst sympatischen Gegenüber habe ich einfach mal gefragt, ob wir nicht zusammen mal was trinken gehen. Natürlich privat. Das war beim ersten Treffen zwar etwas angespannt, aber uns beiden wurde schnell klar, dass ich nicht über jedes Wort berichten werde. So entwickelte sich aus einem beruflichen Kontakt eine Bekanntschaft, mit der ich mich gerne mal nach Feierabend treffe. Denn dauerhaft nur Redakteure im Freundeskreis zu haben und ansonsten beruflich bedingt Außenseiter zu bleiben, ist dann doch nicht so mein Ding.

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