Gaffen und verarbeiten? So geht es uns Journalisten, wenn wir über Unfäll berichten

Symbolfoto von Artyom Kulakov von Pexels
Ich erinnere mich noch genau an diesen Dienstag. Er lief perfekt. Ich hatte meinen Termin direkt nach der Mittagspause machen, genügend Informationen abgreifen und mich rechtzeitig auf den Weg zurück zur Redaktion begeben können. Keine Störfaktoren, nichts, was den Feierabend verzögert. Weil ich mein Auto dabei hatte statt des Firmenwagens, stimmte auch der Sound der Musikanlage und so hörte ich einfach meine Lieblings-Playlist bei strahlendem Sonnenschein, denn es herrschte Hochsommer, wie er schöner nicht sein könnte. Perfekt eben. Hätte ich an diesem Tag nicht meinen ersten Unfall mit beruflicher Mission erlebt. 


Ein Blitzer? Nein.

Das Rathaus, in dem ich eben zu Besuch war, und die Redaktion trennen 25 Kilometer, etwa eine halbe Stunde. Die Strecke verläuft über Land. Deshalb wunderte ich mich, dass mir ein entgegenkommender Autofahrer wenige Kilometer vor dem Ziel plötzlich Lichthupe gab. Okay, ein Blitzer, dachte ich, danke. Also bremste ich ab. Aber warum standen dort so viele Autos? Warum wendeten zwei? Vor mir Stau. Blitzer? Nein.

In dem Moment realisierte ich drei Dinge erstaunlich langsam und mindestens genauso erstaunlich auch in dieser Reihenfolge: Erstens war vor mir offenbar ein Unfall passiert. Zweitens schien es gerade erst dazu gekommen zu sein, denn vor mir standen bloß ein Lastwagen und ein Rettungswagen. Ich war also ganz vorne. Drittens hatte ich jetzt meinen Job zu tun - ich war hier nicht als Privatperson, die sich ärgern oder sorgen, aber zurückhalten durfte. Ich war hier als Redakteurin im Dienst. Scheiße.

Ein Unfall als Job

Um die Situation mal etwas deutlicher zu machen: Vor mir und dem Lastwagen lag ein Motorrad am Boden, daneben stand ein stark demoliertes Auto. Irgendwelche Menschen liefen hinter dem Wagen herum, aufgeregt. Daneben der Krankenwagen. Und ich hatte jetzt den Job - aufgrund meiner zufälligen Anwesenheit und wegen meines Berufs - von dieser Situation ein Foto zu machen, das am selben Abend ins Internet und am nächsten Tag in die Zeitung kommen würde. Und all das ohne jede Vorerfahrung, wie man sich damit verhält.

In meinem Kopf schwirrten schlimme Gedanken. Was ist, wenn der Motorradfahrer tot ist? Was ist, wenn ich irgendetwas ganz furchtbares sehe? Wie verhalte ich mich richtig? Darf ich da überhaupt hin?

Sensationsgeil versus Interesse

Solche Situationen sind euch bestimmt aus Lesersicht bekannt. Ihr seht auf den Internetseiten Unfallfotos und lest, was passiert ist. Manchmal fragt ihr euch: Muss das sein? Diese Frage wurde uns auch schon gestellt, ich wurde in einer E-Mail als sensationsgeile Gafferin bezeichnet. Aber immer, das sehe ich an unseren Zahlen, bekommen diese Artikel enorm viele Klicks. Die Menschen interessiert das.

Und wir? Stehen dann hilflos, wie ich an diesem Tag, neben der Unfallstelle und wissen nicht weiter. Ich erinnere mich genau, dass ich an diesem Nachmittag am ganzen Körper gezittert habe und völlig überfordert auf das Polizeiauto zugelaufen bin. Weil die Ersthelfer und die Sanitäter mit dem (glücklicherweise nur) Verletzten zutun hatten, wollte ich ein Foto von der anderen Seite machen. Sofort kamen die Ersthelfer auf mich zu gerannt, stellten sich in den Weg, drohten mir mit einer Klage, wenn ich jetzt fotografiere und beleidigten mich. Dabei war ich bloß unerfahren und wollte alles richtig machen - sowohl aus moralischer als auch beruflicher Sicht.

Ich zittere nicht mehr

Dieser Tag hat sich eingebrannt. Und solche Tage hatte ich inzwischen öfter. Mittlerweile weiß ich auch, wie ich mich zu verhalten habe und gewissermaßen bin ich auch etwas abgehärtet. Ich zittere nicht mehr, ich halte Abstand zu der Unfallstelle, ich frage vorher die Polizei, wann ich fotografieren darf. Da bekommen wir auch oft Verständnis. Sogar eine Notfallseelsorge können wir in Anspruch nehmen, wenn wir schlimme Dinge sehen.

Denn was gerne vergessen geht, insbesondere bei denjenigen, die uns Vorwürfe machen: Wir fahren nie zu Unfällen, weil wir so heiß darauf sind. Wir machen das, weil der Leser das von einer seriösen Tageszeitung verlangt. Er will Informationen. Und die liefern wir. Wenn wir bei einem Unfall sind, ist es nie ein "Wie-umgehe-ich-am-besten-den-Sichtschutz", sondern immer ein "Wie-kann-ich-auf-die-respektvollste-Art-ein-Bild-von-dieser-schlimmen-Situation-machen".

Keine Verletzten, kein Blut, keine Kennzeichen

Dazu haben wir auch Regeln vom Presserat auferlegt bekommen und das ist gut so. Wir dürfen Verletzte und erst Recht nicht Tote abbilden. Nicht einmal Blut. Wir verbergen Kennzeichen. Und bei schwereren Verletzungen sind wir angehalten, Bilder erst einige Stunden später online zu veröffentlichen, damit Angehörige die Information über den Unfall nicht als erstes von uns erfahren. Das ist Mindestmaß, an das wir uns auch halten. Und wer jetzt denkt: "Klar, die Mareike macht das womöglich, aber viele andere nicht", dem sei gesagt, dass ich keinen Redakteur kenne, der juchzend Unfälle knipst. Keinen einzigen. Das hängt vielen nach. Und ich verrate euch noch etwas: So eine Geschichte, wie ich sie euch weiter oben erzählt habe, hat jeder zu erzählen - die meisten verlaufen nicht so glimpflich.

Wer also mal wieder ein Unfallfoto in der Zeitung sieht, sollte daran denken, dass das für keinen von uns leicht ist und dass wir das ausschließlich für den Leser machen. Immerhin verstecken sich hinter diesen Journalisten mit Block und Kamera auch noch Menschen.

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